H. A., 41 Jahre, Syrien

Ich lerne H. kennen, als er gerade ein Interview für einen Radiosender gibt. Besser gesagt, als er genötigt wird, ein Interview zu geben. Der Reporter fuchtelt mit dem Mikro wild vor H.’s Gesicht rum und fragt ihn ständig nach seinen Gefühlen während seiner Flucht. Je weniger H. sagt, desto dringlicher werden der Ton und die Fragen des Reporters. Ich bin kurz davor dazwischen zu gehen. Denn H. antwortet nicht, weil er nicht versteht, sondern weil er nicht will. Aber das merkt der Reporter nicht. Zum Glück gibt er entnervt auf und lässt noch den Kommentar fallen, dass diese Story wohl für die Morgenausgabe gestorben sei. Derweil bräuchten sie doch neben den vielen Fakten unbedingt emotionale Stories.

Doch das ist ein gefährlicher Ansatz. Zum einen, weil solche Fragen die Flüchtlinge zurückwerfen können. Zum anderen, weil Flüchtlinge merken, wenn sie benutzt werden und ihnen kein ehrliches Interesse entgegengebracht wird. Statt sie von ihren Ängsten erzählen zu lassen, brauchen sie wie jeder andere Mensch Wertschätzung und Aufrichtigkeit im Umgang mit ihnen. Schade, dass der Reporter gehen musste, sonst hätte er mitlauschen können und H.‘s folgende spannende Geschichte erfahren. Weiterlesen