H. A., 41 Jahre, Syrien

Ich lerne H. kennen, als er gerade ein Interview für einen Radiosender gibt. Besser gesagt, als er genötigt wird, ein Interview zu geben. Der Reporter fuchtelt mit dem Mikro wild vor H.’s Gesicht rum und fragt ihn ständig nach seinen Gefühlen während seiner Flucht. Je weniger H. sagt, desto dringlicher werden der Ton und die Fragen des Reporters. Ich bin kurz davor dazwischen zu gehen. Denn H. antwortet nicht, weil er nicht versteht, sondern weil er nicht will. Aber das merkt der Reporter nicht. Zum Glück gibt er entnervt auf und lässt noch den Kommentar fallen, dass diese Story wohl für die Morgenausgabe gestorben sei. Derweil bräuchten sie doch neben den vielen Fakten unbedingt emotionale Stories.

Doch das ist ein gefährlicher Ansatz. Zum einen, weil solche Fragen die Flüchtlinge zurückwerfen können. Zum anderen, weil Flüchtlinge merken, wenn sie benutzt werden und ihnen kein ehrliches Interesse entgegengebracht wird. Statt sie von ihren Ängsten erzählen zu lassen, brauchen sie wie jeder andere Mensch Wertschätzung und Aufrichtigkeit im Umgang mit ihnen. Schade, dass der Reporter gehen musste, sonst hätte er mitlauschen können und H.‘s folgende spannende Geschichte erfahren.

Denn H. ist Busfahrer in Damaskus gewesen. Er hat nicht nur den Bus sicher an sein Ziel gesteuert, sondern auch einen Staatsminister Syriens. H. ist Chauffeur des Ministers für Elektrizität gewesen, der direkt Assad untersteht. Doch wie die meisten Schicksale enden, beginnen diese mit einem lauten Knall. Bomben zerstören H.‘s Bus und auch sein Haus. Als H. den Minister um Hilfe bittet, passiert … NICHTS. Er lehnt jegliche Hilfe für H. ab und zwingt ihn damit indirekt das Land zu verlassen. Einfacher gedacht als getan, denn H. ist nicht allein. Er hat eine Frau und sechs Kinder im Alter von 15, 13, 11, 9, 6 und 1,5 Jahren. Sie fliehen alle in den Libanon, doch H. kann ihnen nicht folgen. Die dort zu erwartende Perspektivlosigkeit treibt ihn stattdessen nach Deutschland.

H. schwärmt vom Leben vor dem Krieg, als Damaskus laut ihm noch 12 Millionen Einwohner gehabt hat – statt heute 4-5 Millionen. Damals ist er mit dem Bus oft nach Deir ez -Zur gefahren, woher seine Eltern stammen. Heute, betont er, ist das unmöglich. Unmöglich, weil diese Stadt eine Hochburg des IS geworden ist und er entweder viel Schutzgeld zahlen müsste oder sein Leben wohl vorbei wäre. Passau mit seinen Flüssen erinnert ihn sehr an Deir ez-Zur, das am Euphrat liegt. Hier in Passau ist er seit einem Jahr und einem Monat und hofft darauf bleiben und arbeiten zu können. Mit seiner Familie telefoniert er regelmäßig. Dass das kein Ersatz für einen Vater sein kann, kann wohl jeder nachvollziehen.

Nach dem langen und intensiven Gespräch mit H. ärgere ich mich noch mehr über den Reporter. Dieser Mann musste sein Leben und seine Familie zurücklassen und soll dann auch noch seine Gefühle preisgeben.

HumanPosters wünscht allen frohe Feiertage und den Mut die eigenen Interessen zurückzustellen und den Menschen zu helfen, die schwerwiegende Nöte und Bedürfnisse haben. Kommen Sie alle gut ins neue Jahr, in dem wir uns dann wieder mit tollen Posters melden werden.

H. A. hat aufgrund seiner Nähe zum Staatswesen Angst um sich und seine Familie und will deswegen nicht genannt und fotografiert werden. Wir bitten um Verständnis.

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