Als Vorbild vorangehen: Interview mit Lutz Haase

Lutz Haase ist Gründer der Berliner Digitalagentur FTWKfor those who know. Dem Unternehmenswert „Diversity solves complex challenges“ folgend, hat er im Juni dieses Jahres einen syrischen Flüchtling eingestellt.

1) Was hat Dich dazu bewogen, einen Flüchtling in Deinem Unternehmen einzustellen?
Zum Einen wollten wir natürlich helfen, indem wir jemandem diese Chance geben. Darauf legt unser Unternehmen Wert. Viele Menschen sagen zwar, dass sie helfen wollen, aber nur ungefähr einer von zehn tut auch wirklich etwas.
Andererseits haben wir aber auch einfach jemanden gesucht aus dem IT-Umfeld mit speziellen Qualifikationen.
Ein Freund hat mir von der Internetplattform workeer.de erzählt, wo sich Unternehmen und arbeitsuchende Flüchtlinge registrieren können. Daraufhin habe ich einfach eine Beschreibung unseres Jobangebots hochgeladen. Am Ende haben wir aus sechs Bewerbern Bassel ausgewählt.

2) Welche Unterschiede gab es im Vergleich zur ‚regulären‘ Einstellung eines Mitarbeiters?
Erst einmal natürlich die Beschaffung der Arbeitserlaubnis. Das ist eine Hürde verwalterischer Art, die mit vielen Formularen und Anträgen verbunden ist. In dem Moment, wo ein Unternehmen besonderes Interesse an einer Person zeigt, stößt man auf eine Art Schlupfloch: man muss die Behörden überzeugen, dass kein Deutscher mit vergleichbaren Qualifikationen für die Stelle verfügbar ist (Stichwort: „Vorrangprüfung“). In unserem Fall wäre es zum Beispiel so gut wie unmöglich gewesen, einen deutschen IT-Ingenieur zu finden, der neben Englisch auch noch Arabisch und Französisch spricht.
Das Unternehmen verfasst dann eine Art Empfehlungsschreiben mit der Begründung, warum diejenige Person unbedingt eingestellt werden soll. Wir hatten auf diesem Weg schon nach zwei bis drei Tagen die Arbeitserlaubnis in der Hand. Einfach abzuwarten ist nicht genug. Man muss wirklich aktiv werden.
Da wir in einer Branche arbeiten, in der ein relativ buntes Treiben an unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten herrscht und wo sowieso viel Englisch gesprochen wird, sehe ich die alltägliche Arbeit zusammen mit Flüchtlingen aber nicht als Problem, sondern klar als Bereicherung.

3) Würdest Du andere Unternehmen ermutigen, das Gleiche zu tun? Wieso bzw. wieso nicht?
Ja, auf jeden Fall! Klar, das ist keine einfache Geschichte, aber ich glaube, es ist zeitgemäß.
Natürlich ist das Ganze aber auch nicht ohne Eigennutzen: Es werden in Deutschland viele gute Leute gesucht, man denke da nur einmal an den enormen Bedarf an Krankenpflegern. Außerdem sind auch einfach extreme Potenziale dabei unter den Menschen, die hier angekommen sind.
Man muss jetzt nicht alles nur ‚rosarot‘ sehen, es sind bestimmt auch viele Unqualifizierte unter den Flüchtlingen. Aber auch diese sind eben jung und sie wollen etwas tun.
Ich würde jedem Unternehmer raten, mal darüber nachzudenken, ob es nicht etwas daraus machen will.

Lutz & Bassel
Lutz Haase mit dem neuen Mitarbeiter Bassel aus Syrien

4) Was möchtest Du Unternehmen mit auf den Weg geben, die vorhaben, Flüchtlinge einzustellen?
Erst einmal sollte man das Vorhaben mit den Kollegen besprechen und sich überlegen: „Ok, wie wollen wir das machen?“.
Was das Behördliche angeht, muss das jeweilige Unternehmen eben ‚mit Schirm und Charme‘ versuchen, klarzumachen, warum es denjenigen unbedingt einstellen möchte bzw. dass es keinen Deutschen findet, der für die Stelle geeignet wäre. Aber die Behörden sind ja auch keine Unmenschen. Es ist wichtig, auch mit der Ausländerbehörde an einem Strang zu ziehen – dann kommt man viel weiter. Es sollte eben klar vermittelt werden, dass man als Unternehmen selber auch Unterstützung braucht.
Alles Andere: Man muss die Leute nicht nur motivieren, sondern ihnen auch ein bisschen Orientierung geben. Sie sind schließlich neu in Deutschland und da muss man ihnen einfach zeigen, wie die Leute hier so ticken. Man sollte allgemein damit rechnen, dass viel erklärt und gezeigt werden muss. Aber das ist auch gut, weil man da auch sehr viel zurückbekommt – Loyalität zum Beispiel.

Flüchtlinge sind auf jeden Fall eine Bereicherung für ein Unternehmen. Verschiedenheit ist immer eine Bereicherung. Das heißt nicht, dass alles harmonischer wird. Aber ich glaube, unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven helfen dabei, schwierige Zeiten gut überwinden zu können, weil es so immer jemanden gibt, der die Probleme lösen kann, die sich einem stellen. Wenn alle gleich wären, könnten wir nur bestimmte Probleme lösen und die anderen können wir gar nicht mehr anpacken. Je heterogener eine Organisation ist, desto widerstandsfähiger ist sie auch in schweren Zeiten.

5) Welche Tipps würdest Du Flüchtlingen für den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt geben?
Was uns wirklich geholfen hat, war die Plattform workeer.de. Flüchtlinge sollten diese Chance wahrnehmen und sich dort auf eine Stelle bewerben, denn wenn eine Firma sagt: “Ich will mit Dir zusammenarbeiten”, stellt das einen guten Grund dar, für die Ausländerbehörde oder Arbeitsagentur, eine Arbeitserlaubnis zu erteilen. Jemand muss Interesse zeigen. Wenn man nicht selbst aktiv wird, würde alles unbearbeitet im Verwaltungsapparat liegen bleiben. Wenn Flüchtlinge eine Arbeitserlaubnis wollen, müssen sie aktiv werden und sich um einen Arbeitsplatz bewerben.
Zusätzlich ist es natürlich auch ratsam, die Bewerbungsunterlagen zu verbessern und sich weiterzubilden.
Aber vor allem: Nicht abschütteln lassen, dran bleiben und an seinen eigenen Wert glauben. Immer mutig voran. Mut und Neugier sind eigentlich am wichtigsten.

6) Ist es Deiner Meinung nach einfacher für hochqualifizierte Flüchtlinge, Arbeit zu finden in Deutschland?
Natürlich ist es einfacher für hochqualifizierte Flüchtlinge. Nicht nur, weil wir hier hochqualifizierte Arbeitskräfte benötigen. Wir brauchen auch Menschen, die sich weiterbilden wollen, die am Ball bleiben wollen. Eine große Herausforderung besteht jedoch in den gering qualifizierten Flüchtlingen. Wir müssen diejenigen mit der größten Motivation und dem größten Wissensdurst finden, welche im Leben weiterkommen wollen. Diesen sollten wir dabei helfen, Deutsch zu lernen und Trainingsmaßnahmen zu erhalten oder in ein Ausbildungsverhältnis zu gelangen. Es ist allgemein wichtig, den Jungen oder auch den gering Qualifizierten so schnell wie möglich den Zugang zu Bildung und auch zu anderen Menschen zu ermöglichen. Das bisher größte Problem sehe ich dabei in der mangelhaften Integration von Schulkindern in reguläre Schulen und Schulklassen. Diese jungen Menschen sollten sich Zugang zu Bildung verschaffen. Das ist die einzige Chance, die sie haben.
Die hochqualifizierten Flüchtlinge sehe ich dabei in der Pflicht, den Schwächeren und geringer Qualifizierten zu helfen, wenn sie selbst es bereits geschafft haben.

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